BIOGRAPHIE

František Vízner


František Vízner (geb. 1936 in Prag, Tschechoslowakei – 2011) sagte: „Ich mag das Handwerk und ich mag schöne Objekte.“ Was in diesen Worten zurückhaltend und sehr bescheiden klingt, erlangt im nächsten Satz seiner Ausführungen eine überaus tiefgreifende Dimension: „Für unser Leben ist beides so notwendig wie das, was wir für richtig und gerecht halten.“ William Warmus, ehemaliger Kurator am Corning Museum of Glass, zählt die aus diesem Anspruch entstandenen Gefäßobjekte Vízners zu den „perfektesten Dingen, die jemals von Menschenhand geschaffen wurden“.

Worum geht es? Vízner hat Glasobjekte entworfen und in allen Arbeitsschritten selbst gefertigt, deren Gestalt niemals ihre Herkunft aus dem Bereich des funktionalen Gebrauchsgeräts verleugnet. Es sind Vasen, Schalen und Teller. Unter dem Verzicht auf jegliches Ornament und andere überflüssige Details rückt die einfache geometrische Form dabei völlig in den Vordergrund, deren destillierte und konzentrierte Essenz er suchte. Aus bis zu 40 Kilo schweren Blöcken von massivem Glas schnitt und schliff Vízner seine Arbeiten in einem langwierigen Prozess heraus. Die klaren Formen sind „völlig originell, unkonventionell und so überzeugend, dass es überraschend ist, dass sie in der langen Geschichte des Glas vorher noch nie zu sehen waren“, wie Dan Klein bemerkte. Die Oberflächen der Stücke sind aufwendig gesandstrahlt und haben in einem Säurebad ihr Finish erhalten. So wirken sie samtig weich und sind matt, wodurch jegliche ablenkenden Lichtreflexe vermieden werden. Die Arbeiten sind zumeist monochrom einfarbig gehalten. Bis in die 1980er Jahre hinein herrschten eher kühle Farben und Rauchtöne vor, die Vízner aus der Glashütte in Škrdlovice bezog, je nachdem, was dort gerade produziert wurde. Seit den 1980er Jahren war es ihm möglich, mit Bleiglas aus Jablonec zu arbeiten, das in über 400 Farbtönen erhältlich war. Nun prägten vorwiegend warme Töne seine Farbwahl. „Die Farbe“, so der Künstler, „beeinflusst grundsätzlich die Stimmung eines Glasgegenstandes.“ Im Gegensatz zu anderen Bildhauermaterialien wie Stein und Metall oder den Farben der Maler, die lichtundurchlässig sind, changiert die Farbigkeit monochromen Glases im einfallenden Licht von tiefdunkel dort, wo es dick ist, bis zu lichthell dort, wo es dünn ist. „Das fertige Werk löst im Betrachter das befriedigende Gefühl aus, dass hier eine Idee voll und ganz realisiert wurde. Das Ergebnis ist perfekte Harmonie in Glas”, so nochmals Dan Klein über Vízners Arbeit. Dieser hat mit seinem Werk das Konzept des Gefäßes neu definiert und auf eine höhere Qualitätsstufe gestellt. Schon in den 1970er Jahren sprach Alena Adlerová davon, dass seine geschliffenen Gefäße bereits vollkommen ihre Gebrauchsfunktion verloren hätten und zu plastischen Objekten geworden seien. Und auch im Westen wird diese Position geteilt, wenn Tina Oldknow, eine weitere ehemalige Kuratorin des Corning Museum of Glass, davon spricht, dass Vízners Arbeiten, „obwohl sie auf den Formen funktionaler Gefäße und Teller basieren, als reine und einfache Volumina nicht-funktioneller skulpturaler Formen zu verstehen sind.“

František Vízner gehörte zur ersten Generation Tschechischer Glaskünstler, die nach dem Zweiten Weltkrieg über das Glas zur Kunst fanden. Nach dem Besuch einer Berufsschule in Nový Bor von 1951 bis 1953 und der Glasfachschule in Železný Brod zwischen 1953 und 1956, wo er erst in der Glasmalerei und dann unter Jan Černý im Glasschliff sowie den neu aufkommenden Formschmelztechniken ausgebildet wurde, kam er 1956 an die Hochschule für Angewandte Kunst in Prag. Die beiden hier zu dieser Zeit für das Glas zuständigen Abteilungsleiter Karel Štipl und Josef Kaplický verfolgten reformerische Impulse der Zwischenkriegsmoderne und negierten die Trennung zwischen freier bildender und angewandter Kunst. Hier liegt das erste Samenkorn für die Entwicklung Vízners, der Štipls Atelier für Glyptik und technische Bildhauerei durchlaufen hat, wo der Entwurf für den Glasschnitt und für Pressglas Schwerpunkte bildeten. Wie auch einige weitere seiner Kommilitonen wurde Vízner nach Abschluss des Studiums 1962 als Gestalter für Pressglas bei Sklo Union in Dubí bei Teplice fest angestellt. In dieser Arbeit liegt der zweite Schlüssel zum Verständnis von Vízners späterem Werk. Beim Pressglas geht es um die Gestaltung von Massenware. Aufgrund der Technik des Pressens von Glas in eine Metallform ist der Gestalter nicht auf die rotierende und deswegen runde Grundform des manuellen Hüttenglases beschränkt. Die „Freiheit des Pressers“, wie Vízner es selber ausdrückte, liegt darin, auch rechteckige Grundformen einsetzen zu können. Da im Pressglas nicht mit mehreren Farben gleichzeitig gearbeitet werden kann, erlangt zudem der mit der Dicke des Glases changierende Farbwert eines einzigen Grundtones einen bewussten Einsatz. Viele Entwürfe von Vízner gelangten in die Serienproduktion. Zahlreichen Entwürfen, gerade solchen, mit denen er die Möglichkeiten dieser Produktionsweise grundlegend erforschte, blieb dies jedoch verwehrt. Darunter sind auch die 1964 angefertigten Zeichnungen für eine Schale, in deren Mitte sich aus der Mulde eine Spitze erhebt. Es ist das Thema, mit dem er später zu Weltruhm gelangen sollte.

Aufgrund einer schnellen Entscheidung wechselte Vízner 1967 an die Glashütte in Škrdlovice, die für die Entwicklung des manuell in Hüttentechniken gefertigten Glases in der ČSSR überaus bedeutend war. Zunächst war er völlig aufgeschmissen, hatte er doch bisher keinerlei Erfahrungen mit den hier notwendigen Arbeitsweisen. Vielleicht liegt es mit daran, dass er eine spezielle Formensprache entwickelte, mit der er „zur bestimmenden Figur für das hüttengefertigte Serienglas in der ČSSR“ wurde und gemeinsam mit dem Werksleiter Jaroslav Svoboda in Škrdlovice eine der bedeutendsten und eigenständigsten Leistungen der europäischen Glasgestaltung der 1970er Jahre realisierte, wie Helmut Ricke befindet. In Škrdlovice hatte Vízner intensiv mit den Glasmachern zu tun, deren handwerkliche Fähigkeiten er immer mehr bewunderte. In ihm kam der Wunsch auf, selbst ein Handwerker zu werden – allerdings nicht als Glasmacher. Er nahm die Möglichkeit wahr, in der zur Škrdlovicer Hütte gehörenden Schleiferei zu arbeiten. Hier realisierte Vízner 1971 mit Schleiftechniken erstmals seinen für das Pressglas vorgesehenen Entwurf der Schale mit der Spitze. Parallel zur Entwurfsarbeit für das Hüttenglas arbeitete er weiter in der Schleiferei und variierte die Schale mit der Spitze in verschiedenen Farben.

1977 verließ Vízner die Hütte und baute sich eine eigene Werkstatt zur kalten Bearbeitung von Glas auf. Er selbst beschrieb diesen Zeitpunkt als optimal: 15 Jahre nach Abschluss des Studiums hatte er klare Vorstellungen von seinen Stärken, seinen Limiterungen und seinem Platz in der Arbeit mit Glas. In einer Zeit, in der immer mehr Künstler frei mit Glas zu arbeiten begannen, einer „kreativen Pseudofreiheit“ wie Vízner meinte, blieb er selbst ganz dem Gefäß verhaftet. Auf der Basis des europäischen Konstruktivismus und des Funktionalismus variierte er schlichte kubische, zylindrische und kugelige Formen, um deren Möglichkeiten für die Gestaltung von Gebrauchsobjekten immer weiter zu erforschen. Die Suche nach beständigen Werten, die die Zeiten überdauern, sah er als eine soziale Aufgabe. Und dabei war ihm die Variation wichtiger, als die Erforschung des Einzigartigen. Obwohl sich viele seiner unikalen Objekte sehr ähnlich sehen, gibt es keine absolut gleichen Wiederholungen. Für Vízner war die Variation das Mittel, mit dem er versuchen konnte, die Magie der Gegenwart ausdrücken. Seine nur langsam vonstattengehende Arbeit an den Schleif- und Poliergeräten war ihm auch Meditation, in der die Klarheit des menschlichen Sinns für Ordnung auf das Chaos trifft. Helmut Ricke nimmt dieses Werk als eine sehr persönliche Position wahr, „die in ihrer Klarheit und Konsequenz von kurzlebigen Strömungen unberührt bleibt und geprägt ist von der Aura zeitloser und bleibender Gültigkeit“. Und William Warmus schreibt: Vízner „hat jede artifizielle Künstelei herausgefiltert bis die Objekte sich nur noch als reine Verdichtungen natürlicher Kräfte in essentielle Formen manifestieren.” Von Fragen des Design ausgehend hat František Vízner große Kunst geschaffen.
Uwe Claassen

Achilles-Stiftung